Allgäuer Zeitung, April 2015


Allgäuer Zeitung, April 2015

Gnadenloser Rundumschlag

Helmut Schleich rechnet in seinem Programm „Ehrlich“ nicht nur mit der Politik ab

Wenn Helmut Schleich abrechnet, dann ohne Rücksicht auf Verluste. Und deshalb sitzt er erst einmal im Knast zu Beginn seines neuen, abend- und bühnenfüllenden Soloprogramms „Ehrlich“ im Memminger Bonhoeffersaal. Griesgrämig und fatalistisch beschreibt er, wie er die ganze Familie, Kneipenkumpel und Bauarbeiter, einfach alle, die ihn geärgert haben, nicht im Affekt, sondern geplant, erschossen hat. Nur der Postbote kam versehentlich dazwischen. Aber: „Jetz is es wias is!“, kommentiert der vielfach preisgekrönte Münchner Meister des Typen-Kabaretts diesen Kollateralschaden.

Nach Szenenwechsel wird aus dem einfachen Massenmörder ein kritischer Zeitgenosse im roten Jackett, der die Ehrlichkeit hinterfragt, die oft gefährlich werden und Streit verursachen kann. In der Werbung als Bluff schnell erkannt, bewirkt ihre Abwesenheit in der Politik eine Veräppelung der Gutgläubigen. Zur Zeit ist Merkel die Vorhut, Gabriel „das dicke Ende“ einer – nach posthumer Ansicht von Franz Josef Strauß – unfähigen Regierung.

Nach erneutem Rollenwechsel ärgert sich Schleich als alter Herr mit Stock und Zylinder über NSA und BND. Nur Horst Seehofer könnte die Sammlung der Spione vielleicht als Erinnerungsbrücke benutzen: „Schaut mal nach, was ich gestern gesagt hab!“

Am Stammtisch wird herzerfrischend bayrisch-einfältig über Bildung schwadroniert, über G8 und G9, über acht Halbe und neun Halbe. Schleich freut sich über einen großen Gewinn von einer diffusen Agentur in Riga, über ein knackiges Internet-Angebot einer Ludmilla und die versprochene Gratiswoche in einem Bukarester Hotel.

Aber Schleich fragt auch, was wir aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gelernt haben. Und stellt die derzeit familienfreundliche Bundeswehr bloß, die ihre Kompanie-Küken hegt, mit untauglichen Gewehren daneben schießt und versucht, mit Drohnen ein Ziel zu treffen. Offen bleibt die Frage, wie gefährlich der Russe ist. „Für den Wessi von damals waren auch die Leute in der DDR Russen“, erinnert er an Vor-Wendezeiten.

Auch die EU bekommt ihr Fettweg: Die Rettung der Flüchtlinge im Mittelmeer kann sich das reiche Europa angeblich nicht leisten, und verpulvert doch „ein Jahr Seerettung“ mit zwei Tagen Gipfeltreffen in Elmau. In der antiken Griechenwelt entführte Zeus Europa mit dem Stier, heute werde das Land durch Räuberhauptmann Draghi unterdrückt, meint Schleich. Dass die linken Griechen ihre Wahlversprechen tatsächlich einhalten wollen, bringt Schäuble auf die Palme.

Schleich kann nicht nur Strauß sein, aber das besonders gut. Posthum bringt er die CSU und die Ehrlichkeit in Verbindung. Umwerfend! Er lässt bei seinem Rundumschlag keine Partei aus, nicht die Banken, nicht die Kirche, nicht die Pflege, die Rente, immer geht’s um Gewinnmaximierung. Zuletzt sitzt er wieder in der JVA, hat den Kultur-Akku der 400 Zuschauer im Saal
aufgeladen und hinterlässt ein bestens unterhaltenes und zum Nachdenken angeregtes Publikum.

VON BRIGITTE GRÖSCHEL


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