Mittelbayerische, 19. November 2018


Mittelbayerische, 19. November 2018

Immer hart an der Grenze

Helmut Schleich erfüllte bei seinem Auftritt in Regensburg zum Meisterstück alle Erwartungen – selbst die gemeinsten.

Regensburg.Er ist ein Muster der Bescheidenheit, dieser Helmut Schleich: Nichts braucht er außer einem Tisch, einem Stuhl und einem dezent betuchten Rednerpult, um sich seine Bühne im Antoniussaal einzurichten. Um sie auszufüllen, braucht es dann nur eines, nämlich die Anwesenheit des Kabarettisten – denn ein Kaliber wie Schleich versteht sich wie kaum ein anderer auf das, was man gemeinhin als Präsenz tituliert. Er ist da, und mit ihm sein ungezügeltes Mundwerk, das vom scharf beobachtenden und noch schärfer formulierenden Geist mit einem scheinbar unerschöpflichen Strom an treffsicheren Bosheiten, abgründig-tiefgründigem Witz und schonungslos-schwarzem Humor versorgt wird. Und so geriet Schleichs Auftritt am Freitag in Regensburg zum Meisterstück, das die gemeinsten Erwartungen erfüllte und kaum ein Auge trocken ließ. Der verheißungsvolle Titel des Programms: „Kauf, du Sau!“

Ob Merkel oder Merz, ob Brexit-Diskussion oder Biergartenbegegnungen: Das oberbayerische Original macht wie gewohnt vor nichts und niemandem Halt. Kommentare vom „Volkspatron des Qualitätsjournalismus“, SZ-Journalist Heribert Prantl, zur Lage der Nation und Europas nimmt Schleich ebenfalls gerne zum Anlass für eigene Reflexionen und Repliken: „Europa liegt wie in den Wehen“? „Es tut so gut, wenn jemand schreibt, was man zu denken hat“, seufzt der Kabarettist da wohlig. Und überhaupt Europa: eine Erfolgsgeschichte, die nur Gewinner hervorbringt – „bis auf die, die Verlierer sind“. Und so mag Schleich auch nicht voll und ganz auf das Gelingen des großen Ganzen vertrauen und baut sicherheitshalber vor, mit Kisten voller ausgedienter Drachmen, Francs und Peseta. Denn: „Wenn die Grenzen wieder kommen – ich bin vorbereitet!“

Wenn Schleich leise wird

Nicht nur die hohe Politik, auch alltägliche Auswüchse und „Erfolgsstorys“ entgehen der Aufmerksamkeit des Kabarettisten nicht. Munition liefert der Rhabarbersaft trinkende Frevler am Nebentisch ebenso wie der Öko-Veganer mit gendergerechten Erziehungsambitionen. Hart an der gängigen Geschmacksgrenze – aber eben dort hinterlässt Helmut Schleich bevorzugt und mit Genuss seine Spuren – bewegen sich Szenarien, die angesichts des Blicks auf Alltagsgewalt und allgegenwärtige Schießereien in den USA entworfen werden: „Was wäre, wenn Jesus auch eine Waffe gehabt hätte?“

Aber nicht nur die hypothetische Rückschau auf andere mögliche Weltenläufe, sondern auch dar nicht so abseitige Zukunftsvisionen bedürfen der Erwägung. Zwar sei es noch nicht so, „dass einer, der jeden Tag abstürzt, schon wie ein Computer denkt“. Doch das Streben danach, den Menschen zum „kalten Rechner“ zu machen, ist in vollem Gange. Das lässt dann sogar den Schleich leisere, mahnende Töne anschlagen – denn was soll werden aus einer Welt, in der Gefühle durch Daten, durch künstlich gesteuerte Gehirne ersetzt würden? Das wäre in der Tat des Guten beziehungsweise Schlechten zu viel, gerade für einen wie Helmut Schleich, einen mit Leib und Seele. Und doch bleibt dem satirisch-polemischen Realisten nur eine Antwort, wenn das Herz die Frage stellt, was denn Glück sei: „Kauf, du Sau!“

FJS darf nicht fehlen

Das Publikum liebt ihn – und natürlich gerade weil er so unverblümt, so schonungslos, so ohne Maulkorb daherkommt. Und weil er das Lächerliche, das manchmal schon bemitleidenswert Groteske unserer Zeit entlarvt. Was der brave Bürger und Bayer sich nicht zu sagen traut: Helmut Schleich nimmt es ihm aus dem Mund, würzt es mit der ihm gebotenen handfesten Finesse und tischt es sodann als spezielles Schmankerl auf. Natürlich darf auch in Regensburg der Übervater Bayerns, Franz Josef Strauß, nicht fehlen – gerade angesichts der Dramen unserer Tage. Ja, das waren Zeiten, als rechts der CSU nur noch eine Wand war, links von ihr die Mauer – und hinter dieser Angela Merkel…

Mehr als zwei Stunden Vollgas gibt Helmut Schleich, ohne Bremsmanöver, ohne Sicherheitsgurt. Da legst di nieder, da schmeißt di weg angesichts eines Auftritts, bei dem einfach alles passt. Pfundig!

Von Bettina Gröber

 


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